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Der Detektiv als Schurke: Dorrington von Arthur Morrison

Beim Begriff Detektiv denkt man ganz unwillkürlich gleich an die Ruhmestaten eines Sherlock Holmes oder Hercule Poirot. Dabei wird gerne vergessen, dass der Berufsstand des Privatdetektivs in aller Regel kein hohes Ansehen genoss. Tatsächlich dürften zu Holmes’ Zeiten die meisten Menschen beim Gedanken an ‚echte‘ Detektive ähnliche Assoziationen gehabt haben wie Dr. Grimesby Roylott aus Das gesprenkelte Band, der Holmes Folgendes an den Kopf wirft:

Ich weiß Bescheid über Sie, Sie Schurke! Ich habe schon von Ihnen gehört. Sie sind Holmes, der seine Nase in alles hineinsteckt.

Zu einer Zeit, in der in bürgerlichen Kreisen Privatsphäre ein schützenswertes Gut war, galten Privatermittler, die häufig im Zusammenhang mit Ehebruch oder finanziellen Fragen andere „ausspionierten“, als unerwünschte Eindringlinge. Dabei stand auch immer der Vorwurf im Raum, dass sich Detektive selbst ungesetzlicher Mittel bedienten, um ihre Ergebnisse zu erzielen, oder mit Kontaktleuten aus der Unterwelt kooperierten. Vor diesem Hintergrund erklärt sich auch die Skepsis gegen den Detektivroman, die sich vor allen Dingen in konservativ-bürgerlichen Kreisen lange hielt.

Dabei waren die literarischen Detektive eigentlich stets positiv besetzte Figuren. Selbst dann, wenn sie einmal zu ungesetzlichen Methoden griffen (z.B. Sherlock Holmes in Charles Augustus Milverton), war es doch immer, um dem Guten zum Sieg zu verhelfen. Natürlich gab es auch schon früh invertierte Detektivgeschichten, in denen nicht der Detektiv, sondern ein Schurke im Mittelpunkt stand wie Arsène Lupin oder Raffles. Dass aber der Detektiv selbst ein skrupelloser Schurke war, dürfte zumindest in der Krimilandschaft um 1900 ein singuläres Phänomen gewesen sein: in den Dorrington-Detektivgeschichten von Arthur Morrison.

Morrison ist Kennern von Holmes’ Konkurrenten bekannt als Verfasser der Erzählungen um den detektivischen Rechtsanwalt Martin Hewitt, dessen Abenteuer im Strand Magazine veröffentlicht wurden, nachdem Holmes seinen vermeintlichen Tod in den Reichenbachfällen gefunden hatte. Sie wurden seinerzeit ebenfalls von Sidney Paget illustriert und waren die beste „Ersatzdroge“, die den Strand-Lesern nach dem Ende der Holmes-Reihe blieb. Sie beziehen ihren Reiz insbesondere daraus, dass Hewitt von seinen Gegnern häufig unterschätzt wird, was diesen dann zum Verhängnis wird. Im Übrigen bleiben sie dem klassischen Schema des Detektivs als Kämpfer für das Gute verhaftet.

Mit dem Detektiv Dorrington hingegen wagte Morrison einen echten Gegenentwurf: Wenn ein Klient ihm einen Fall anträgt, überlegt Dorrington zunächst, wie er den größten Vorteil aus der Sache ziehen kann: indem er seinem Auftraggeber in gewünschter Weise dient oder indem er diesen hintergeht und ein eigenes Spiel spielt. Dabei schreckt er auch vor Mord nicht zurück. Ein reizvoller Kniff ist, dass die Fälle aus der Perspektive eines Mannes erzählt werden, der selbst Opfer von Dorringtons Skrupellosigkeit wurde und nachträglich Kenntnis von dessen Fällen erlangt hat.

Diese „Detektivgeschichten der etwas anderen Art“ dem Vergessen entrissen zu haben und (soweit ich überblicken kann) erstmals in deutscher Sprache zugänglich zu machen, ist das Verdienst von Reinhard Hillich. Dieser ist in gleicher Weise ein großer Kenner der englischen Literatur und der Kriminalliteratur und hat sich — für uns besonders interessant — bereits als Kenner und Übersetzer von Conan Doyle hervorgetan. Neben einigen Sherlock-Holmes-Übersetzungen aus den frühen 1980er Jahren (gesammelt in Sherlock Holmes: 17 Detektivgeschichten) hat er maßgeblich dazu beigetragen, Conan Doyles nicht-sherlockianisches Werk in deutscher Sprache verfügbar zu machen, beispielsweise die Erzählungen in Abenteuer aller Art (Haffmans 1993) oder Conan Doyles frühen autobiografischen Roman Die Bekenntnisse des Stark Munro (28 Eichen 2009); all dies stets mit kenntnisreichen Anmerkungen bzw. Nachworten versehen.

Mit Dorringtons Fälle eröffnete Reinhard Hillich 2017 seine Werkauswahl der Schriften von Arthur Morrison, die auf sechs Bände angelegt ist und bereits im Herbst 2018 abgeschlossen sein soll. Dazu gehören natürlich auch mehrere Bände mit den Fällen von Martin Hewitt, aber auch Morrisons sozialkritischerer Kriminalroman Die Kneipe an der Themse. Es ist Hillich wichtig, dass Morrison nicht nur als Krimischriftsteller gewürdigt wird, sondern auch sein aus eigener Anschauung stammender Blick auf die Londoner Elendsviertel zur Geltung kommt, die ihm zeitgenössisch den Ehrentitel „der englische Zola“ eintrugen. Tatsächlich scheint mir Morrisons Werk insbesondere wegen seiner gelungenen Milieuschilderungen und Figurenzeichnungen auch heute noch lesenswert — zumal in der rundum gelungenen Übertragung von Reinhard Hillich.

Auf der Projekt-Website gibt es nähere Informationen zu Morrison, seinen Werken und der auf Deutsch erschienenen Auswahl.

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