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Großartige Holmes-Romane neu aufgelegt — als E-Book

Als unabhängiger Buchhändler mit Ladengeschäft sehe ich das E-Book naturgemäß mit einer gewissen Skepsis. Natürlich hat das Lesen mit einem E-Book-Reader eine Reihe praktischer Vorteile — beispielsweise die Möglichkeit, die Schriftgröße anzupassen oder ohne zusätzliche Lichtquelle lesen zu können. Aber mir fehlt halt doch der Zauber, der sich bei der Lektüre eines gedruckten Buches zumindest dann einstellt, wenn es gut gedruckt und schön ausgestattet ist. (Und ja, wir Buchhändler verdienen an gedruckten Büchern mehr als am Verkauf von E-Books, auch das stimmt.)

Seit Kurzem gibt es für deutschsprachige Holmes-Leser allerdings ein neues Argument für das elektronische Buch: Die Digital-Tochter des Verlags Bastei Lübbe, beTHRILLED, hat Anfang April gleich fünf Holmes-Romane neu aufgelegt, die im Mutterhaus vor einigen Jahren als Taschenbücher erschienen waren und nun schon länger vergriffen sind. Und zwar:

Gerade für letzteren Titel freut es mich natürlich sehr, denn er ist seinerzeit auf meinen Vorschlag hin überhaupt veröffentlicht worden — und ich durfte die deutsche Übersetzung und ein kleines Nachwort dazu beisteuern. Das war übrigens Anlass für Sabrina Glodde von beTHRILLED, mich zu einem kleinen Gespräch ins Verlagshaus einzuladen, das heute im Rahmen des Lübbe-Audio-Podcasts Bücher veröffentlicht worden ist. (Lübbe hat übrigens auch noch eine schöne Portalseite mit allen sherlockianischen Aktivitäten der Verlagsgruppe erstellt.)

Abgesehen von dem Houdini-Titel, der mir vor allem wegen seines Humors und der wunderbaren Charakterisierung von Holmes und Houdini in bester Erinnerung geblieben ist, sind noch mindestens zwei weitere Hochkaräter unter den neuen E-Books: Wer Sherlock Holmes und der Fall Sigmund Freud nicht kennt, sollte sich diesen enorm erfolg- und folgenreichen Roman unbedingt einmal ansehen: Bei seinem ersten Erscheinen in den 1970er Jahren (auf Deutsch damals übrigens unter dem beeindruckend blöden Titel Kein Koks für Sherlock Holmes) löste er einen weltweiten Boom in Sachen Sherlock Holmes aus. Er stand monatelang auf der Bestsellerliste der New York Times und wurde bald darauf mit hochkarätiger Besetzung (Vanessa Redgrave, Laurence Olivier, Alan Arkin …) verfilmt. (Die Verfilmung weicht übrigens hinsichtlich des aufzuklärenden Verbrechens stark vom Roman ab!)

Von da an tauchten in schöner Regelmäßigkeit neue Holmes-Romane auf Dachböden und in Armeekisten auf — darunter auch Meyers zweiter Roman, der deutlich klassischer daherkommt als sein Vorgänger und deswegen von der Kritik nicht ganz so wohlwollend bedacht wurde. Mir persönlich gefiel er seinerzeit recht gut, ich muss aber gestehen, dass ich mich kaum noch daran erinnern kann. Für eher verzichtbar halte ich allerdings die Geschichte mit dem Phantom der Oper, in der ich „unseren“ Holmes nicht wiedererkannt habe.

Eine große Empfehlung möchte ich hingegen noch für Rick Boyers Riesenratte von Sumatra aussprechen. Nicht nur, dass Boyer uns endlich verrät, was es mit jener geheimnisvollen Ratte auf sich hat, auf die Holmes in der Erzählung The Sussex Vampire anspielt; er verknüpft die Geschichte auch noch mit einem weiteren kanonischen Klassiker und macht das richtig spannend. Ich weiß noch heute, wie ich Anfang der 90er Jahre auf einer Bank vor dem Sherlock-Holmes-Museum in Meiringen in der Sommersonne gesessen und das Buch förmlich in einem Rutsch verschlungen habe. Sehr zur Nachahmung empfohlen!

Begreifen wir das E-Book also als schöne Möglichkeit, Titel wieder lesen zu können, die andernfalls vielleicht für immer in der Versenkung verschwunden wären. Und wer weiß, wenn die elektronischen Absätze zufriedenstellend sind, folgt möglicherweise doch eines Tages eine neue gedruckte Ausgabe … Den hier vorgestellten Romanen wäre es jedenfalls zu wünschen.

Wer übrigens noch keinen E-Book-Reader besitzt und mit dem Gedanken spielt, sich einen zuzulegen, dem sei aus eigener Erfahrung der Tolino ans Herz gelegt. Den gibt es natürlich in meiner Buchhandlung, aber auch bei vielen anderen großen und kleinen Buchhändlern. Wer also „seine Buchhandlung“ unterstützen will, frage doch mal nach, ob man auch dort den Tolino im Programm hat. Dieser ist nicht nur technisch dem amerikanischen Konkurrenzprodukt ebenbürtig, sondern als offenes System konzipiert, sodass E-Books nahezu sämtlicher Händler darauf gelesen werden können.

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