Sherlock Holmes’ unbekanntes Abenteuer

Erzählung (1930)

Der Erfolg von Sherlock Holmes lässt sich auch an der Vielzahl der Parodien ablesen, die auf die Holmes-Geschichten erschienen sind. Größtes Problem dabei ist allerdings, dass die meisten dieser Parodien in Zeitungen und Zeitschriften erschienen und deshalb schwer zu entdecken sind. Ganz ähnlich verhält es sich mit der vorliegenden kurzen Parodie, die ich dank eines gewissenhaften Eintrags im Katalog der Staatsbibliothek Berlin in einem kleinen Krimi-Bändchen fand, der äußerlich keinen Hinweis auf den sherlockianischen Inhalt trug.

Die vermutlich erste und einzige Veröffentlichung des Textes erschien im 52. Band der Reihe Glöckner-Bücher, einer Krimi-Taschenbuchreihe aus den Jahren 1929 bis 1931, in der überwiegend eher schlichtere Genretexte verschiedenster Verfasser erschienen (aber durchaus auch Romane einiger renommierterer Autoren wie Paul Rosenhayn, Otto Soyka oder Mary Roberts Rinehart). Der Band ist benannt nach dem Roman, der das Gros des Bändchens (über 200 Seiten) ausmacht: Mister X im Hotel Pennsylvania von William Hopkins. Dabei verrät der o.g. Bibliothekskatalog, dass es sich bei dem besagten Mr. Hopkins tatsächlich um den deutschsprachigen Verfasser Leopold Willheim handelte, der den Roman gemeinsam mit dem angeblichen Übersetzer Theodor Brun geschrieben hat. Brun war ohnehin „Schriftleiter“, also inhaltlicher Herausgeber der Glöckner-Bücher. Und eben dieser Theodor Brun hat für das kleine gelbe Bändchen noch einen Anhang unter eigenem Namen beigesteuert: „3 heitere Novellen“, von denen eine die hier vorliegende Holmes-Parodie ist.

Die Geschichte ist schnell erzählt. Holmes und Watson, die gerade in Berlin weilen, werden von einem jungen Mann aufgesucht, der sich Sorgen um die Treue der jungen Ehefrau seines Arbeitgebers macht. Diese habe nämlich neuerdings einen Verehrer, mit dem sie mittels Buchtiteln kommuniziere. Er habe ihr das Werk Wie bist du, Weib? geschenkt, worauf sie mit dem Band Die unverstandene Frau geantwortet habe. Es seien noch viele Bücher ausgetauscht worden, darunter Der schlafende Gatte und Willst du mein Weibchen sein? Da der Ehebruch kurz bevorstehe, bittet der junge Mann Holmes um Hilfe.

Dieser konsultiert den Katalog des Buchhändlers, bei dem der Verehrer einkauft, und findet dort den Titel Bleib deinem Gatten treu, den er kurzerhand postalisch in sämtlichen beim Buchhändler vorrätigen Exemplaren ordert, zuzustellen an die wankelmütige Ehefrau. Am nächsten Tag muss Holmes zu seinem Leidwesen feststellen, dass die angeblich bedrohte Ehe nie in Gefahr war und der Buchhändler stolze 3.997 Exemplare des bestellten Titels am Lager hatte und Holmes entsprechend in Rechnung stellt.

Die Pointe ist sicherlich nicht die stärkste und auch sprachlich wird diese Geschichte kaum als Höhepunkt der Holmes-Parodien in Erinnerung bleiben. Ganz hübsch ist eine kurze Deduktionsszene zu Beginn, in der Holmes Watsons Gedanken liest — wie sich herausstellt, weil Watson seine Gedanken unbewusst laut ausgesprochen hat.

Der Text ist übrigens nicht aus der Perspektive von Watson erzählt, auch wenn es einen Ich-Erzähler gibt, der allerdings nur am Anfang der Geschichte in Erscheinung tritt:

Seit Jahren warte ich darauf, dass Conan Doyle den Fall Hühnemann veröffentlicht. Er tut es nicht, und ich weiß, warum.

Thedor Brun: Sherlock Holmes’ unbekanntes Abenteuer

Nach der Lektüre wissen wir, dass das schwerlich als Unterlassungssünde bezeichnet werden kann.


Z.Zt. nicht lieferbare Ausgabe

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